Die Geschichte der Schützlinge

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Leseprobe

1. Die geburt

Zu einer anderen Zeit, auf einer anderen Welt. Es war ein schöner warmer Abend, die Sonne ging soeben unter, sie leuchtete noch die mit Schnee bedeckten Spitzen des in der Ferne liegenden Gebirges Sirael an und tauchte das Land Lenqui in einen roten Schimmer. Es war ein unbeschreiblicher Moment, wenn das gewaltige Gebirge, das sich im Osten ausbreitete, im Dunkel der Nacht verschwand. Ein Mann stand auf dem obersten Balkon eines prächtigen Schlosses, das umgeben von einer großen Mauer war, mit vielen Wachtürmen. Rundherum um das Schloss breitete sich eine riesige Stadt aus, mit vielen verschiedenen prächtigen Häusern, einem Marktplatz, Gasthäusern, einer Kaserne, einem Stadtpark und einer großen Schmiede, deren Kamin die Hausdächer überragte. Es war die Hauptstadt des Landes und sie trug den Namen Gurios. Die Stadt wurde von einer weiteren mächtigen Mauer geschützt, mit vier starken Toren, in jede Himmelsrichtung eines, ein Burggraben schützte die Stadt zusätzlich. Selbst in der kleinsten Gasse war alles sauber, ordentlich und hell erleuchtet, so wie es für das Volk der Elfen üblich war. Fackeln und Kerzen erhellten die ganze Stadt. Unter dem Balkon befand sich ein riesiger Platz, an dem sich viele Elfen, gehüllt in prunkvolle Gewänder, tummelten. Der Mann auf dem Balkon blickte Richtung Berge und sah vor sich ein sich weit ausbreitendes Flachland mit mehreren Bauernhöfen, Dörfern und weiteren Städten. Ein riesiger Wald umgab das ganze Königreich, nur in der Nähe der Städte und Dörfer war er abgeholzt, um herankommende Feinde besser sehen zu können. Ein Fluss namens Learis schlängelt sich durch das ganze Land, sein Ursprung befand sich auf der Spitze des höchsten Berges im Gebirge Sirael, und er endete, nachdem er den Burggraben gefüllt hatte, etwa einen Tagesmarsch entfernt Richtung Nordwesten in einem großen See, der Sira genannt wurde. Plötzlich ertönte aus dem Inneren des Schlosses ein schmerzerfüllter Schrei, der den traumhaften Anblick des Sonnenuntergangs zerstörte. Der Mann lauschte mit seinen spitzen Ohren, drehte sich um und stürmte in das Schlossinnere, er lief in ein edel geschmücktes Zimmer. Auf der einen Seite befand sich ein Wandteppich mit blauem Hintergrund, auf dem ein goldener Drache seine Schwingen ausbreitete. Einige Kleiderschränke befanden sich darunter. Auf der Seite der Balkontür befand sich ein fein geschnitzter Schreibtisch mit einem Stuhl, in den mehrere kämpfende Drachen eingeschnitzt waren. Schließlich befand sich gegenüber von dem Wandteppich ein großes, edel verziertes Bett mit weißen langen Vorhängen daran. Um das Bett standen mehrere in Weiß gehüllte junge Frauen. Eine weitere Frau stürmte mit einem hölzernen, mit Wasser gefüllten Eimer und weißen Tüchern in das Zimmer. Ein weiterer Schrei erklang. Der Mann sah auf das Bett und blickte seiner Gemahlin in ihre leuchtend blauen, mit Tränen gefüllten Augen, die ihn ängstlich ansahen. Er ging auf sie zu, nahm ihre Hand, kniete sich neben sie und strich ihr mit einem aufmunternden Lächeln durch ihr blondes Haar. Sie versuchte zurückzulächeln, aber es gelang ihr nur sehr kurz. Ein weiterer Schrei entwich ihrer Kehle. „Es ist so weit!“, sagte eine der Frauen am Fußende des Bettes. Sie legte der Frau ihre Hände zwischen die blutverschmierten Beine. „Pressen!“, schrie sie laut. Ein weiterer Schrei drang durch das Zimmer. Dann war alles still. Nach wenigen Augenblicken hörte man ein weinerliches Schluchzen. Die Hebamme verpasste dem Neugeborenem einen leichten Klaps auf den Hintern und es begann zu schreien. Der Mann atmete mit seiner Frau erleichtert auf. Die Hebamme sagte: „Es ist ein Junge, König Ismar!“ Der Mann stand auf, nahm ein Messer, ging auf das Neugeborene zu und durchtrennte die Nabelschnur. Er legte das Messer auf die Seite und die Hebamme übergab ihm das Baby. Er lächelte seine Frau an und sagte: „Tobias soll sein Name lauten“. Die Königin nickte ihm zustimmend zu. Er ging mit seinem ersten Sohn zurück auf den Balkon, um die Nachricht seinem Volk mitteilen zu können, die Bewohner der Stadt waren schon voller Erwartung. Auf dem Balkon hob er seinen Sohn über seinen Kopf und schrie laut: „Ich bin überglücklich, euch heute meinen Sohn und Erben präsentieren zu können!“ Jubel brach aus. Das ganze Volk war überglücklich und begann zu feiern. Ein weiterer Schrei ertönte aus dem Bett seiner Frau. Doch dieser war anders als alle vorherigen, er übertönte die Jubelrufe der Stadtbewohner und jedem lief ein eisiger Schauer den Rücken hinunter. Schlagartig verstummte alles, der König stürmte voller Angst mit einem fragenden Blick zurück zu seiner Königin, er übergab seinen Sohn wieder der Hebamme und fragte seine Frau: „Elisabeth, was hast du?“ Sie krümmte sich vor Schmerzen und schrie: „Ich weiß es nicht, hilf mir. So tu doch etwas!“ Er sah sie hilflos an und wusste nicht, was er tun sollte. Er stand auf, ging zu einer der Hebammen, packte sie an den Schultern und brüllte: „So tut doch etwas, verdammt, seht ihr denn nicht, wie sie leidet?“ Eine der Frauen versuchte den König zu beruhigen. „Eure Majestät, Ihr wisst ganz genau, dass bei einer Geburt keine Magie benutzt werden darf! Die Auswirkungen auf das Kind sind nicht vorherzusagen.“ „Das Kind ist schon da! Nun lindert doch endlich ihre Qualen!“, antwortete der König. Die Hebamme schüttelte den Kopf. „Was soll das heißen, das Kind ist noch nicht da?“, schrie er sie an. Sie sagte: „Königin Elisabeth erwartet noch ein weiteres Kind.“ „Das ist nicht möglich!“, sprach er und beruhigte sich schon langsam. „Wir alle wissen von der Prophezeiung und dennoch ist es so, Eure Majestät“, antwortete die Hebamme. König Ismar setzte sich voller Verwunderung und geschwächt von der Aufregung auf einen Stuhl. Dann sprach er so leise, dass es fast nur er hören konnte: „Mir wurde von den mächtigsten Magiern des Landes versichert, dass es mir nur möglich sei, einen einzigen gesunden Erben zu zeugen und dass dies meine Frau unbeschadet überleben würde.“ Er wollte noch etwas sagen, doch er wurde unterbrochen, als seine Frau wieder aufschrie. Dann wurde alles still. Sein Blick wanderte erst auf seine Frau, die ihre Augen geschlossen hatte. Er sprang auf, lief an das Bett und hielt seine Finger an ihre Kehle. „Sie lebt“, keuchte er mit zittriger Stimme, dann sah er zu der Hebamme mit dem zweiten Kind in den Händen. Sie versuchte seinem Blick auszuweichen. „Was ist?“, schrie er. „Er atmet nicht“, flüsterte sie. Ismar ging langsam und von Trauer geschwächt auf sie zu, dabei flüsterte er: „So wird die Prophezeiung also doch wahr.“ Er überzeugte sich selbst davon, dass das Kind nicht am Leben war. Dann setzte er sich schweigend auf einen Stuhl. Die Hebammen reinigten das Bett und versorgten, so gut es ging, die schlafende Königin. Sie nahmen beide Kinder und ließen den König mit der Königin alleine. Tobias legten sie in ein Zimmer, welches für ihn vorbereitet worden war, dort, wo er von den Bediensteten gewaschen und gepflegt werden sollte. Das zweite Kind, ohne Namen, brachten sie in ein gegenüberliegendes Zimmer, das leer stand, wuschen auch dieses Neugeborene und legten es in eine Wiege, da sie es nicht über das Herz brachten, etwas anderes mit ihm anzustellen. Ismar starrte auf seine Gemahlin, strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht und sagte, als er den Raum verließ, zu einer Dienerin: „Weicht nicht von ihrer Seite und kümmert euch um sie, wenn sie aufwacht!“ Die Dienerin verneigte sich vor Ismar, anschließend machte er sich auf den Weg in den Thronsaal. Ihn begleiteten fünf Wachen, die vor den privaten Gemächern der Königsfamilie gewartet hatten, unter ihnen war auch der Hauptmann der königlichen Armee, dessen Name Baltasar war. Die Wachen trugen glänzende Rüstungen mit einem blauen Umhang, sie waren bewaffnet mit je einem langen, massiven Speer und am Gürtel trugen sie ein Schwert mit einem blauen Edelstein, der in den Griff eingelassen war. Die Männer waren groß gebaut und sehr muskulös. Als sie einen langen Gang, der durch Fackeln erhellt wurde, Richtung Thronsaal entlanggingen, sagte der Hauptmann zögerlich mit trauriger Miene: „Meinen Glückwunsch zu Eurem Sohn, mein König! Und mein aufrichtiges Beileid wegen des zweiten Kindes.“ Der König bekam eine nachdenkliche, faltige Stirn, nickte ihm jedoch zu und sagte: „Ich danke dir, Baltasar.“ Vor der massiven hölzernen Tür des Thronsaals standen zwei weitere Wachen, die, als der König auf sie zuschritt, die Tür öffneten. Der Thronsaal war mit mehreren Marmorsäulen bestückt, an denen allerlei Wappen der Adeligen hingen, der König ging geradewegs auf den Thron zu, der am anderen Ende des Saals auf einem Podest stand. Hinter dem Thron befand sich ein riesiger gestickter Wandteppich mit dem Wappen des Königs, ein goldener Drache breitete seine Schwingen auf himmelblauem Hintergrund aus. Die Adeligen Elfen, die sich im Thronsaal versammelten, verstummten und verneigten sich, als der König auf seinen Thron zuging und sich setzte. Erwartungsvoll sahen sie ihn an, der König blickte in die Runde, dann fragte er: „Was gibt es Neues von den Menschen?“ „Die Menschen sind schwach, mein König. Sie werden sich keine weiteren Angriffe in nächster Zeit erlauben können“, sprach Marzius, ein Adeliger, der einen Großteil der Grenzen und Ländereien im Westen bei dem See Sira verwaltete. Er war ein mächtiger Mann und genoss sehr viel Vertrauen des Königs, obwohl er ein Dunkelelf war. Seine schwarz leuchtenden Augen, die jeder Dunkelelf hatte, funkelten, als er sagte: „Wir sollten die Chance nutzen und sie angreifen, mein König. Wir können sie ein für alle Mal vernichten.“ „Nein! Wir sind gerade erst mit unserem eigenen Krieg fertig geworden! Außerdem gibt es Gerüchte von Dämonen, die wieder auf unserer Welt wandeln und Unruhe stiften. Wie sie die Portale durchschritten haben sollen, ist mir zwar noch unklar, aber wir müssen dem nachgehen! Unsere oberste Priorität ist es, unser Volk zu schützen und nicht sinnlose Kriege wegen unbedeutendem Land zu beginnen, das uns die Menschen genommen haben“, sprach der König, und im Saal breitete sich Unruhe aus. Die Lichtelfen und Dunkelelfen waren jahrelang verfeindet, doch König Ismar war es möglich, die Streitigkeiten der beiden Elfenvölker beiseitezulegen und Kompromisse für den Frieden einzugehen. Nur vereinzelt gab es noch ein paar Dunkelelfen, die sich weigerten, den Frieden zu wahren. „Wie sieht es mit den Zwergen aus?“, fragte der König weiter. „Sie weigern sich, unsere Verträge zu unterzeichnen, wollen aber dennoch weiter mit uns verhandeln. Solange wir auf unserem Land bleiben, werden sie auch in ihren Höhlen bleiben, mein König“, sprach Ezmir, der verantwortlich für die Ländereien im Osten am Fuße des Berges Sirael war. Seine Augen funkelten in einem blauen Schimmer, wie bei jedem Lichtelfen. Ezmir fuhr zögerlich fort: „Verzeiht mir die Unterbrechung, mein König, aber wie geht es meiner Schwester, Königin Elisabeth, und meinem Neffen, wenn Ihr die Frage gestattet?“ Gemurmel breitete sich im Thronsaal aus, mit einem Handwischen von Ismar verstummte es und der König sagte mit ernstem Blick: „Sie schläft und erholt sich von der Anstrengung, aber es geht ihr gut, der eine Sohn ist gesund.“ Ezmir schaute verdutzt und fragte, nachdem sich das erneut ausgebrochene Gemurmel beruhigt hatte: „Wie meint Ihr das? Der eine Sohn?“ Ismar konnte man an seinen blauen Augen die Trauer ansehen. Er atmete einmal tief ein und schaute sich im Saal um, er blickte in viele verschiedene Gesichter, die ihn voller Erwartung ansahen. Nach einem Augenblick überspielte er die Trauer und sagte mit fester Stimme: „Meine Freunde, es ist spät. Es war ein anstrengender Tag, ich werde mich nun zurückziehen.“ Die Anwesenden verneigten sich und Ismar verließ gefolgt von seinen Wachen den Thronsaal. Ezmir stürmte ihm nach, und als Ismar die privaten Gemächer der Königsfamilie betreten hatte, postierten sich die Wachen vor der Tür. Ezmir wollte ebenfalls durch die Tür schreiten, jedoch hielt ihn Baltasar am Arm fest, schüttelte den Kopf und sagte: „Tut das nicht, mein Herr! Es gab ein zweites Kind, zu unserem Bedauern war es eine Totgeburt.“ Ezmirs Miene verfinsterte sich und er antwortete: „Ich verstehe, so bewahrheitet sich die Prophezeiung. Als meine Schwester nach der Geburt erneut schrie, wunderte ich mich, was geschehen war, ich bin vom Schlimmsten ausgegangen.“ Baltasar legte seine Hand auf Ezmirs Schulter und er versicherte ihm: „Eurer Schwester geht es gut, mein Freund, jedoch solltet Ihr den König heute nicht mehr darauf ansprechen, er ist von der Trauer geplagt.“ Ezmir nickte ihm dankend zu und begab sich in sein Gemach. Als die Nachtwachen die Königsleibgarde ablösten, begab sich Baltasar mit seinen Männern in den Thronsaal. Dort angekommen, ließen sie diesen räumen. Anschließend begaben sie sich in den Innenhof und scheuchten die restlichen Stadtbewohner, die noch immer unter dem Balkon warteten, hinter die Schlossmauern und ließen das Tor schließen. Ruhe kehrte in der Stadt ein. Spät in der Nacht, als bereits alles schlief und nur noch die Nachtwachen zu sehen waren, wachte Ismar plötzlich schweißgebadet auf, er spitzte seine Ohren und lauschte in die Dunkelheit. Dann hörte er es erneut, ein Baby weinte unnormal laut, sodass es das ganze Schloss aufweckte. Er zog sich einen Umhang über und machte sich auf den Weg zu dem Zimmer, in dem Tobias lag. Seine Frau stand bereits vor der Tür. Sie öffnete die Tür, doch das Schreien wurde nicht lauter. Sie gingen gemeinsam an die Kinderwiege und sahen, wie Tobias sie mit großen blauen Augen ansah. Der König nahm glücklich seine Frau in die Arme und sie lächelte ihn an. Plötzlich hörten sie wieder ein Baby schreien, sie sahen auf Tobias herunter, doch dieser gab keinen Ton von sich. Voller Entsetzen sahen sie sich gegenseitig an und stürmten in das gegenüberliegende Zimmer. Tatsächlich, das Schreien kam von hier. „Schnell! Eine Hebamme!“, rief Ismar seinen Wachen zu, die gerade angelaufen kamen. Die Königin nahm ihren zweiten Sohn in den Arm und versuchte ihn zu beruhigen. Als er die Augen öffnete, erschrak sie und ließ ihn beinahe fallen. „Komm! Schau dir das an, das ist doch nicht möglich?“, fragte sie. „Was in Allarus Namen …?!“, begann Ismar „So etwas gab es seit über eintausend Jahren nicht mehr in unserem Königreich. Soweit es uns bekannt ist!“, vollendete er seinen Satz. Die Hebammen kamen hereingestürzt und sahen auf das Kind, als sie seine Augen erblickten, fielen sie auf die Knie und begannen Allarus, dem Gott der Natur und allen Lebens, zu huldigen und danken. Sie dankten ihm dafür, dass er dem Jungen das Leben geschenkt hat. Seine Augen strahlten wunderschön in einem hellen Rot, das Zeichen der Rotelfen, die vor mehr als tausend Jahren die Welt von den Dämonen befreit hatten, indem sie mit einem mächtigem Blutzauber das Leben ihrer ganzen Rasse opferten, um die Portale in die Dämonenwelt zu versiegeln. „Bereitet ein Fest vor zur Feier der Geburt meiner beiden Söhne. Verbreitet die Kunde in jedem Winkel des Lands, lasst jeden Mann, jede Frau, jeden Zwerg und jeden Elf wissen, dass heute ein Rotelf das Licht der Welt erblickte.“ Die Wachen nickten und verließen die privaten Gemächer wieder. Ismar wandte sich an seine Frau und fragte: „Wie soll er heißen?“ „Sebastian“, antwortete sie ihm und der König nickte. Die Hebammen nahmen der Königin ihr Kind ab und pflegten es, währenddessen ging eine Wache zu einem Boten und trug ihm den Befehl des Königs auf. Der Bote lief zu den Stallungen, sprang auf ein Pferd und ritt in Windeseile zum Tor hinaus in die Stadt Richtung Park. Die Hufe des Pferdes klapperten auf dem Pflasterstein, als der Bote die Straße, die zu dem Haus des Brieftaubenhalters führte, entlang galoppierte. Dort angekommen klopfte er wie wild an die Tür, so laut, dass er die ganze Nachbarschaft aufweckte. „Ruhe!“ „Hier versuchen Leute zu schlafen!“, hallte es von überall her, doch der Bote war zu aufgebracht, den Worten Gehör zu schenken. Als schließlich ein alter Mann namens Augustin verschlafen und wütend die Tür öffnete, übergab ihm der Bote den Befehl des Königs, er sagte: „Bitte verzeiht die späte Störung, Meister. Der Befehl kommt direkt vom König! Ihr müsst die Nachricht umgehend verbreiten.“ Der alte Mann nahm grimmig den Brief des Boten entgegen, aber als er ihn gelesen hatte, wurden seine Augen riesig. Schnell schlug er die Tür zu und machte sich sofort an die Arbeit. Der König und alle, die das Spektakel miterlebten, begaben sich, als das Baby aufhörte zu weinen und einschlief, wieder in ihre Betten. Als die ersten Sonnenstrahlen das Land erhellten, stiegen hunderte weißer Tauben in die Lüfte und flogen in alle Himmelsrichtungen. Eine Woche nach der Geburt der Zwillinge fand das Fest zur Feier ihrer Geburt und der Ehrung der Rotelfen statt. Noch niemand, bis auf die Angehörigen der Königsfamilie, der Hebammen und einige Wachen, hatten die beiden Söhne zu Gesicht bekommen. Aus jedem Winkel des Landes trieb es die Menschen, Zwerge und Elfen heran. Jeder wollte sich selbst von dem Wunder überzeugen. Die Stadt wurde feierlich geschmückt, der Thronsaal war vollgestellt mit den köstlichsten Speisen, König Ismar hatte keinerlei Kosten oder Mühen gescheut. Am Tag des Festes versammelten sich die Adeligen im Thronsaal, unter ihnen waren auch heldenhafte Krieger, Magier, Zwerge, und sogar einigen Menschen wurde die Ehre erwiesen, den Thronsaal zu betreten. Sie alle wollten sich selbst von der Rückkehr der Rotelfen überzeugen. Es war ein wundervolles Fest, es wurde bereits, bevor die Königsfamilie anwesend war, getanzt, getrunken, gelacht und gefeiert. Dann war es endlich so weit, ein Herold schlug mit seinem Stock auf den Boden, der dumpfe Schlag übertönte das Gelächter und Geschwätz der Anwesenden und diese begannen zu verstummen. Der König und die Königin schritten in den Thronsaal, anschließend gingen sie auf den Thron zu, gefolgt von zwei in Weiß gehüllten Elfen, die die beiden Söhne in Leinentüchern trugen, das eine war blau und das andere rot. Die Königin hatte ein langes blaues Kleid an, verziert mit roten und blauen Edelsteinen. Der König trug eine blaue Rüstung, auf der Brustplatte war ein goldener Drache abgebildet. Der Herold schlug erneut mit seinem Stab auf den Boden, dann verkündete er: „König Ismar, der Vereiniger und Friedensstifter der vier Völker und seine Gemahlin, Königin Elisabeth. Gefolgt von ihren Söhnen, dem erstgeborenen Prinzen Tobias, rechtmäßiger Erbe Lenquis, und dem zweitgeborenen, zuerst tot geglaubten Prinzen Sebastian, gezeichnet von unserem Gott Allarus.“ Als die Worte den Saal erfüllten, knieten sich die Anwesenden nieder. Nachdem Königin und König auf dem Thron Platz genommen hatten und die beiden Babys zu ihren Füßen in Wiegen gelegt wurden, erhoben sich die Leute wieder. Der König ergriff das Wort und sprach: „Ich freue mich, euch alle hier versammelt zu sehen, es ist unsere Pflicht, den Frieden zu wahren, für uns selbst und unsere Nachkommen, lasst uns gemeinsam eine bessere Welt für sie errichten.“ Jubel brach aus und der König fuhr nach einer kurzen Pause fort :„Seitdem die Rotelfen die Dämonen vertrieben haben, haben wir uns gegenseitig bekämpft, um mehr Land und mehr Macht zu erlangen. Als die Drachen letztendlich unser Land verlassen haben und die Magie begann zu verschwinden, wurden wir wachgerüttelt und begriffen, dass die Zeit gekommen war, etwas zu ändern. Nun, nach Jahren des Friedens, sind wir hier endlich alle versammelt und feiern gemeinsam die Rückkehr eines Rotelfens. Ich sehe das als ein Zeichen Allarus, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden. Aber nun genug der Worte, meine Freunde! Trinkt, tanzt und habt Spaß, möge das Fest eröffnet sein!“ Erneut brach Jubel aus und die Musikanten begannen zu spielen. Der Reihe nach gingen die Leute an den Prinzen vorbei, gaben ihre Geschenke ab, betrachteten die Zwillinge und unterhielten sich kurz mit dem König. Die Magier segneten die Babys und legten ihnen Beschützungszauber auf. Die Menschen versprachen den Elfen den Frieden zu halten, solange sie auf ihren Ländereien blieben, und die Zwerge unterzeichneten sogar die Handelsverträge. Das Fest dauerte drei Tage an, Menschen, Zwerge und Elfen feierten gemeinsam, als wären sie eine große Familie. Als sich das Fest dem Ende neigte, verabschiedeten sich alle und gingen friedlich auseinander. Für die beiden Prinzen begann in den folgenden Jahren ein durchgeplantes Leben. Als Erstes bekamen sie Unterricht in der Geschichte ihrer Völker, des Landes und ihrer Vorfahren. Im Alter von sechs Jahren begannen sie bereits zu lernen mit Pfeil und Bogen umzugehen und sie übten sich im Schwertkampf. Als sie zehn wurden, konnte man ihnen beiden ansehen, dass Zauberkräfte in ihnen schlummerten, ihre Ausbildung übernahmen die mächtigsten Zauberer des Landes, die extra in die Hauptstadt reisten. Als die Drachen verschwunden waren, war auch die Magie verschwunden. Es gab kaum noch wirkungsvolle Zauber und nur den mächtigen Zauberern war es möglich, diese wirken zu lassen. Die Elfen waren ein reiches und diszipliniertes Volk und daher sehr angesehen bei den anderen Völkern. Jedoch waren sie nicht die stärksten, ein großer Vorteil war aber, dass sie unsterblich waren, was das Alter und Krankheiten betraf, jedoch konnten sie getötet werden, beispielsweise durch Waffen, Gift oder Zauber. Ein großer Nachteil war der Nachwuchs, die meisten zeugten keine Nachkommen, weil die Elfenmütter mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit die Geburt nicht überlebten. Über die Jahre trainierten die beiden Brüder hart, jedoch hatten sie die Stadtmauern noch nie weiter verlassen als bis zur Waldgrenze. Ihr Vater hatte bereits mit den Dämonen zu kämpfen. Es gab Gerüchte über zwei bereits geöffnete Portale. Die Portale wurden durch eine unbekannte Magie geöffnet, die eine Verbindung zwischen der Welt der Dämonen und Lenqui aufbaute. Vor tausend Jahren kämpfte das vereinte Volk Lenquis bereits an der Seite der Rotelfen gegen die Dämonen. Als der Krieg als verloren galt, wurden die Portale von den Rotelfen versiegelt, indem sie sich selbst opferten. Siebzehn Jahre vergingen friedlich, während die Prinzen zu Männern heranwuchsen. Tobias versuchte stets, seinem jüngeren Bruder nachzueifern, musste jedoch sehr früh begreifen, dass dies kaum möglich war.